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23.08.2006

Generation Biedermeier

Berlins Mitte ist bevölkert von jungen Menschen, die der bürgerlichen Enge ihrer Klein- und Mittelstädte entfliehen und in Berlin ein anderes Leben führen wollen. Der Mythos von der grenzenlosen Freiheit, von einer neuen Avantgarde kreativer Menschen aus aller Welt, übersieht dabei allerdings, dass die Abgrenzung von der bürgerlichen Elterngeneration rein ästhetisch war. Die gefühlte Andersartigkeit beschränkte sich meist auf das Tanzen auf Dächern und in Kellern.

Heute spazieren Hipster Moms mit Retro-Kinderwägen durch den mit Kitas bepflasterten Prenzlauerberg, während die Väter ihren Oldtimer um die Ecke parken. Bei Waffeln mit heißen Kirschen unterhält sich die Generation junger Angestellter über die passende Ausgestaltung der Altbauwohnung. Die Selbstbezogenheit wird nur noch von der Rückwärtsgewandheit der allgegenwärtigen Kindheitsfetische übertroffen.Die neue Avantgarde hat sich ästhetisch neu definiert, lebt aber mit den bürgerlichen Werten ihrer Eltern: Kinder, Karriere, materieller Wohlstand.

Dem revolutionären Gestus der 68er-Eltern wird eine umfassende Ironisierung entgegengestellt: wer nichts ernst nimmt, muss sich nicht auseinandersetzen, muss sich nicht positionieren.
Das Zerplatzen der utopischen Träumereien der 68er dient dabei als Rechtfertigung für den völligen Verzicht auf eigene gesellschaftliche Visionen über das unmittelbare private Umfeld hinaus.

Einerseits gibt es ein ängstlich-egoistisches Kalkül, eine klare Positionierung könnte dem beruflichen Fortkommen in einem schwierigen Arbeitsmarktumfeld schaden. Übergeordnet gibt es aber eine verbreitete Haltung, politische Positionierung und streitbares Einmischen mit parteipolitischem Ränkespiel, Karrierismus und klandestinen Interessen gleichzusetzen. Gesellschaftspolitische Kontroversen sind daher in privaten Räumen tabuisiert.

Dabei wird übersehen, das die weg-ironisierten gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen gerade diese heile Welt untergraben und radikal verändern. In der gesellschaftlichen Debatte über die Antworten auf diese Umwälzungen wird die sprachlose Generation nicht gehört. Mit den ökonomischen, kulturellen und politischen Folgen dieser über ihre Köpfe hinweg getroffenen Weichenstellungen wird sie sich arrangieren müssen. Die Verweigerung der Teilnahme am gesellschaftspolitischen Diskurs schwächt das Fundament einer Demokratie. Der Verzicht auf ein offenes Bekennen zu den Grundwerten der Demokratie überlässt die Diskurshoheit radikalen politischen oder fundamentalistischen Kräften.
Aber Lichtenberg und Neukölln sind weit weg von den Chai-Latte Cafés der neuen Mitte.....

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